23.09.2010

WAS IST DAS GEGENTEIL VOM FROSCH?

Prof. Ursula Bertram
Prof. Ursula Bertram
Kunstforschung

"Was ist das Gegenteil vom Frosch?"

Die Künstlerin Ursula Bertram bringt Kunst- und Wissenschaftsstudenten bei, die Denkprozesse der anderen zu erlernen. Damit zeigt sie, dass künstlerisches Denken Innovationen ermöglicht.

Am Freitag findet in Stuttgart das Symposion "Artistic Research als Ästhetische Wissenschaft?" statt. Eine der Vortragenden ist die Künstlerin Ursula Bertram. Im Interview mit ZEIT Online spricht sie darüber, wie sich die Wissenschaft von ihrer Linearität lösen kann und warum die Welt künstlerische Kompetenzen braucht.

ZEIT ONLINE: Sind Wissenschaft und Kunst ein Gegensatz?

Ursula Bertram: Sie sind nicht kompatibel. Im wissenschaftlichen Prozess geht es um Analyse, Falsifizierung und Verifizierung, das Arbeiten ist linearisiert. Es geht darum, die eigene Person hinauszunehmen. Der Künstler stellt hingegen die eigene Person in den Mittelpunkt. Es geht ihm weniger um klar definierte Ergebnisse, als um Prozesse, die das Ergebnis hervorbringen.

ZEIT ONLINE: Einerseits sagen Sie, die Konzepte seien gegensätzlich, andererseits sagen sie, man müsse sie zusammenbringen – das verstehe ich nicht.

Bertram: Zusammenbringen ja, aber nicht vermixen. Wissenschaft und Kunst sind wie Wasser und Öl, sie sind vermischbar, werden sich aber immer wieder trennen.

ZEIT ONLINE: Wie lassen sich die Disziplinen denn nun zusammenbringen?

Bertram: Unsere Jugend sollte zweisprachig ausgebildet werden. Die eine Sprache ist die Wissenschaft und die andere ist die künstlerische Sprache. Diese sollte am besten so gelernt werden, dass künstlerischen Denken auch in außerkünstlerischen Feldern wirksam wird.. Es müsste eine Basislehre von non-linearen Vorgängen geben, von der aus Wissenschaftler und Künstler weiter ausgebildet werden. Der Kunstunterricht, wie er jetzt ist, ist deshalb nicht optimal.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn die Alternative?

Bertram: Mehr Erfinderwerkstätten. Hier erzeugt man künstlerische Kompetenz, ohne dass das Ergebnis wie Kunst aussehen muss.

ZEIT ONLINE: Erfinderwerkstätten, wie die an der TU Dortmund. Sie leiten die dortige ID-Factory des Zentrums für Kunsttransfer. Was kann man sich darunter vorstellen?

Bertram: In dieser Querdenkerfabrik werden Denkprozesse durchlebt, die durch theoretisches Wissen nicht zu vermitteln sind. Hier sitzen Orientalisten neben Chemikern und Wirtschaftswissenschaftler neben Maschinenbauern.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie dort?

Bertram: Wir machen wahrnehmungs- und persönlichkeitsbildende Experimente. Die Studierenden lernen voneinander zu lernen – vor allem weil sie ganz unterschiedlich argumentieren. Sie sehen plötzlich, dass die verschiedenen Fächer anders konditioniert sind. Und sie merken, dass niemand Recht hat.

ZEIT ONLINE: Wie sieht solch ein Experiment aus?

Bertram: Es gibt zum Beispiel die Turn-Around-Methode. Hier springen wir ständig zwischen Bild und Wort und einem Objekt und seinem Gegenteil. Ich fordere die Studenten auf, einen Begriff mit fünf Wörtern zu beschreiben. In der nächsten Übung müssen diese fünf Wörter in Bilder gefasst werden. Dann werden diese an den nächsten weitergereicht und er soll aus den Bildern Wörter extrahieren und dann erneut ein Gegenteil bilden.

ZEIT ONLINE: O.K., ein Beispiel bitte.

Bertram: Zum Beispiel frage ich: Was ist das Gegenteil vom Frosch? Der eine sagt, ein Elefant, weil der ein hauptsächlich an Land lebendes Säugetier ist. Der nächste sagt, das Gegenteil vom Frosch sei Holz, weil das eine lebendig und das andere tot ist. Das schüttelt man so lange durcheinander, bis man die Klischees im Kopf gar nicht mehr verfolgen kann.

ZEIT ONLINE: Womit wir wieder bei Artistic Research wären.

Bertram: Das Tolle ist, dass es beim künstlerischen Prozess keine Prinzipien gibt. Der Prozess lebt davon, dass er keine hat. Deshalb kann ich nicht sagen, dass die Turn-Around-Methode typisch künstlerisches Denken zeigt – es ist eher ein Kunsttransfer.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert dieses Experiment?

Bertram: Nur eine halbe Stunde. Das verhilft zu einem völlig freien und unbelasteten Denken. Diese Zeit vor langjährigen Projekten zu investieren ist sicherlich nicht verkehrt. So entstehen Teamgeist und Teamoffenheit. Diese Kompetenzen müssen wir bei den Aufgaben, die vor uns liegen, dringend ausprägen.

ZEIT ONLINE: Welche Aufgaben liegen denn vor uns?

Bertram: Wissenschaftliche und wirtschaftliche Aufgaben. Wir befinden uns in einem historischen Umwälzungsprozess: In der Zeit des Internets kommen wir mit dem alten Spartendenken nicht mehr klar.

ZEIT ONLINE: Es braucht also ein neues Denken?

Bertram: Ja. Denn damit sind wir nicht hinterhergekommen. Die unmateriellen Wirtschaftsfaktoren, die Begleitung und Ausbildung von Mitarbeitern, sind anders als früher. Man muss die persönlichen Kompetenzen der Mitarbeiter stärken. Die Firma muss dafür eine Plattform sein.

ZEIT ONLINE: Und das kann mit Hilfe von Artistic Research gemeistert werden?

Bertram: In den Übungen, wie ich sie geschildert habe, merken die Leute erst, was sie eigentlich an Werten in sich haben. Ich möchte, dass die jungen Menschen ihre Kompetenzen kennen lernen und sich dann in das hineinarbeiten, wo sie am meisten glänzen können. Artistic Research macht das möglich. Denn dann sind wir in einer angstfreien Umgebung – und nur in einer solchen können Menschen wirklich produktiv sein.

Das Symposion "Artistic Research als Ästhetische Wissenschaft?" findet am 24. und 25. September in der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart statt.

Die Künstlerin Ursula Bertram hat in Deutschland und Frankreich studiert. Seit 1994 ist die 58-Jährige Professorin im Fach Plastik und interdisziplinäres Arbeiten an der TU Dortmund. Zudem hatte sie Gastprofessuren in Venezuela und in den USA.

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2010-09/artistic-research-kunst?commentstart=9#comments

23.09.2010, Alina Schadwinkel, ZEIT-ONLINE